Womit Amazon sein Geld verdient
Amazon berichtet seine Zahlen in drei Segmenten. Nordamerika und International bündeln den Onlinehandel, den Marktplatz für externe Händler, Prime-Abos und die Logistik. Das dritte Segment ist AWS, kurz für Amazon Web Services. AWS vermietet Rechenleistung, Datenspeicher und KI-Dienste an Unternehmen. Die Kunden zahlen nach Verbrauch, statt eigene Rechenzentren zu bauen.
Quer durch die Segmente läuft eine vierte Ertragsquelle: Werbung. Händler und Marken bezahlen dafür, dass ihre Produkte in der Suche weit oben erscheinen. Laut dem Bericht zum Geschäftsjahr 2025 brachten Werbedienste rund 68,6 Milliarden US-Dollar ein. Diese Sparte wächst schneller als der Handel selbst.
Insgesamt setzte Amazon 2025 rund 716,9 Milliarden Dollar um. Der Nettogewinn lag bei 77,7 Milliarden Dollar. Beide Werte stammen aus derselben offiziellen Ergebnismitteilung.
Der Gewinn entsteht nicht dort, wo der Umsatz entsteht
Der Handel liefert den größten Teil des Umsatzes, aber nur einen kleinen Teil des Gewinns. Das Nordamerika-Segment erzielte 2025 einen Umsatz von 426,3 Milliarden Dollar. Als operativer Gewinn blieben 29,6 Milliarden Dollar übrig, eine Marge von rund sieben Prozent. Das internationale Geschäft kam auf 161,9 Milliarden Dollar Umsatz und nur 4,7 Milliarden Dollar Gewinn.
AWS zeigt das umgekehrte Bild. Die Cloud stand 2025 für 128,7 Milliarden Dollar Umsatz, also knapp 18 Prozent des Konzerns. Sie lieferte aber 45,6 Milliarden Dollar operativen Gewinn. Das sind rund 57 Prozent des gesamten operativen Ergebnisses, bei einer Marge von etwa 35 Prozent.
Diese Schieflage ist der wichtigste Punkt, wenn du die Aktie verstehen willst. Wer Amazon kauft, kauft wirtschaftlich vor allem einen Cloud-Anbieter. Der Handel liefert Reichweite, Kundendaten und die Basis für das Werbegeschäft. Die Bewertung an der Börse hängt jedoch stark an der Entwicklung von AWS.
Warum ich die aktuellen Zahlen besonders genau lese
Ende Juli 2026 meldete Amazon einen Quartalsgewinn von 62,6 Milliarden Dollar. Solche Schlagzeilen schaue ich mir grundsätzlich zweimal an. Im Bericht zum zweiten Quartal 2026 steckt ein Sondereffekt von 53,4 Milliarden Dollar vor Steuern. Das ist ein Bewertungsgewinn auf die Beteiligung an Anthropic. Es ist keine Einnahme aus dem laufenden Geschäft, es floss kein Geld.
Ohne diesen Effekt bleibt das Quartal trotzdem stark. Der Umsatz stieg um 20 Prozent auf 200,6 Milliarden Dollar. Das operative Ergebnis wuchs um 43 Prozent auf 27,5 Milliarden Dollar. AWS legte um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden Dollar zu und verdiente dabei operativ 16,6 Milliarden Dollar. Buchgewinn und Betriebsgewinn erzählen also zwei verschiedene Geschichten. Ich trenne sie konsequent, bevor ich irgendetwas bewerte.
KI ist der Treibstoff für AWS
Das KI-Geschäft von AWS ruht auf mehreren Ebenen. Unternehmen mieten Rechenkapazität, um KI-Modelle zu trainieren und zu betreiben. Über die Plattform Bedrock greifen sie auf fertige Modelle verschiedener Anbieter zu. Dazu entwickelt Amazon eigene KI-Chips mit dem Namen Trainium. Sie sollen die Abhängigkeit von teuren Grafikprozessoren anderer Hersteller verringern.
Die Verbindung zu Anthropic ist dabei zentral. Amazon hat nach eigener Mitteilung vom April 2026 inzwischen 13 Milliarden Dollar investiert. Bis zu 20 Milliarden Dollar können bei bestimmten Meilensteinen folgen. Im Gegenzug will Anthropic laut gemeinsamer Ankündigung über zehn Jahre mehr als 100 Milliarden Dollar für AWS-Technik ausgeben. Vereinbart ist Zugriff auf bis zu fünf Gigawatt Rechenkapazität mit Trainium-Chips. Schon heute laufen die Claude-Modelle auf über einer Million Trainium2-Chips. Mehr als 100.000 Kunden nutzen diese Modelle über Bedrock.
Der Deal erfüllt für Amazon zwei Zwecke. Er sichert AWS einen großen, langfristig gebundenen Kunden. Und er verschafft den eigenen Chips einen anspruchsvollen Abnehmer, der deren Weiterentwicklung antreibt.
Drei Fragen vor einem möglichen Kauf
Zuerst frage ich nach dem Geschäft. Wächst AWS weiter mit hoher Marge, und zieht das Werbegeschäft mit? Dafür schaue ich auf mehrere Quartale statt auf eine einzelne Meldung. Wichtig ist auch, ob der Konzern seine eigenen Prognosen erreicht. Für das dritte Quartal 2026 stellt Amazon 197 bis 202 Milliarden Dollar Umsatz in Aussicht.
Danach kommt der Trend. Auch ein starkes Unternehmen kann eine schwache Aktie sein, wenn die Erwartungen davongelaufen sind. Ich prüfe deshalb, ob der Kurs über seinen langfristigen gleitenden Durchschnitten notiert und ob diese Linien steigen. Das ersetzt keine Bewertung. Es zeigt mir nur, ob ich gegen die vorherrschende Richtung handeln würde.
Zuletzt das Momentum. Nach steilen Anstiegen ist eine Aktie kurzfristig oft überdehnt. Der Relative Strength Index hilft mir bei dieser Einordnung. Erst wenn Geschäft, Trend und Momentum zusammenpassen, halte ich eine Entscheidung überhaupt für prüfbar.
Die wichtigsten Risiken
Die Investitionslast ist gewaltig. Amazon hat die geplanten Investitionen für 2026 laut CNBC auf rund 220 Milliarden Dollar angehoben, nach zuvor rund 200 Milliarden. Ein Grund sind teurer gewordene Speicherchips. Der freie Mittelzufluss der letzten zwölf Monate lag laut Quartalsbericht bei minus 7,6 Milliarden Dollar. Kühlt die KI-Nachfrage ab, drücken die Abschreibungen auf Jahre hinaus auf den Gewinn.
Der Wettbewerb investiert genauso aggressiv. Microsoft und Alphabet bauen ihre Cloud-Kapazitäten laut CNBC ebenfalls mit dreistelligen Milliardenbeträgen aus. Heute kann niemand sagen, wer auf diese Ausgaben die beste Rendite erzielt.
Die Regulierung bleibt ein offenes Verfahren. Die US-Aufsicht FTC wirft Amazon in einer Wettbewerbsklage vor, seine Marktmacht im Handel unfair abzusichern. Der Prozess ist laut dem Fachdienst MLex für März 2027 angesetzt. Schon im September 2025 zahlte Amazon laut NPR 2,5 Milliarden Dollar in einem Vergleich über Prime-Abos.
Die Handelsmarge bleibt dünn. Wenige Prozent Marge lassen wenig Puffer für Lohnkosten, Zölle oder schwachen Konsum. Kleine Verschiebungen im Handel können das Konzernergebnis deshalb spürbar bewegen.
Buchgewinne können sich umkehren. Der Anthropic-Effekt aus dem zweiten Quartal beruht auf einer Bewertung, nicht auf Zahlungen. Fällt die Bewertung des KI-Unternehmens später, belastet das den ausgewiesenen Gewinn in gleicher Weise.
So ordne ich Rekordzahlen ein
Bei Rekordmeldungen rechne ich zuerst die Sondereffekte heraus. Dann vergleiche ich die Segmentmargen über mehrere Quartale. Zuletzt lese ich die Prognose des Managements und die Aussagen zur Kapazität. Amazon-Chef Andy Jassy sagte laut Fortune, die Nachfrage übersteige selbst die ausgebaute Kapazität bis mindestens 2027. Das klingt gut. Es beschreibt aber Erwartungen, keine gesicherten Umsätze.
Hebelprodukte auf die Aktie nutze ich für so eine Prüfung nicht. Ein Hebel kann eine Position zwangsweise beenden, bevor sich die These bestätigen oder widerlegen lässt. Bei einem Konzern mitten in einem Investitionszyklus ist das ein vermeidbares Zusatzrisiko.
Mein Fazit zur Amazon Aktie
Die Kurzformel „Amazon gleich Onlinehändler“ führt in die Irre. An der Börse ist Amazon vor allem eine Position auf AWS. Die Cloud liefert den Großteil des Gewinns und wächst dank der KI-Nachfrage wieder deutlich schneller. Die Beteiligung an Anthropic und die eigenen Trainium-Chips verzahnen den Konzern eng mit diesem Markt.
Dem stehen enorme Investitionen, dünne Handelsmargen und ein laufendes Kartellverfahren gegenüber. Ob sich die Milliarden für Rechenzentren auszahlen, entscheidet sich über Jahre, nicht über ein Quartal.
Eine Empfehlung ergibt sich daraus nicht. Ich beantworte für Amazon dieselben drei Fragen wie bei jeder Aktie. Wie entwickelt sich das Geschäft? Wohin zeigt der Trend? Wie überdehnt ist die aktuelle Bewegung? Diese Reihenfolge schützt vor Schlagzeilen, die nur die halbe Wahrheit erzählen.