Woher die Zahl stammt
Die 4-Prozent-Regel hat zwei Väter. Im Oktober 1994 veröffentlichte der amerikanische Finanzplaner William P. Bengen im Journal of Financial Planning den Aufsatz „Determining Withdrawal Rates Using Historical Data“. Gut drei Jahre später legten drei Finanzprofessoren der Trinity University in San Antonio nach, Philip L. Cooley, Carl M. Hubbard und Daniel T. Walz. Ihr Beitrag erschien im Februar 1998 im AAII Journal und heißt seitdem nur noch Trinity-Studie.
Die drei rechneten nicht mit einer Durchschnittsrendite. Sie nahmen die echten Jahresrenditen von 1926 bis 1995, für Aktien den S&P 500, für Anleihen langlaufende Unternehmensanleihen guter Bonität. Daraus bildeten sie jedes überlappende Zeitfenster. Für 30 Jahre sind das 41 Fenster, das erste von 1926 bis 1955, das letzte von 1966 bis 1995. In jedem Fenster entnahmen sie im ersten Jahr einen festen Prozentsatz des Startvermögens und hoben diesen Betrag danach jedes Jahr um die tatsächliche Inflation an. Dann zählten sie, in wie vielen Fenstern am Ende noch Geld übrig war.
Das Ergebnis für 4 % über 30 Jahre, mit Inflationsanpassung: Ein Depot aus 75 % Aktien und 25 % Anleihen überstand 98 % der Fenster. Bei 50 % Aktien und 50 % Anleihen waren es 95 %, bei reinen Aktien ebenfalls 95 %. Nur die Mischung 75 zu 25 lag also über dem reinen Aktiendepot, die Mischung 50 zu 50 lag gleichauf. Bei 5 % Entnahme fielen dieselben drei Werte auf 83 %, 76 % und 85 %. Zwischen 4 % und 5 % liegt keine sanfte Stufe, sondern eine Kante.
Eine Zeile aus der Studie wird beim Zitieren fast immer weggelassen. Die Autoren halten ausdrücklich fest, dass sie weder Steuern noch Transaktionskosten berücksichtigt haben. Genau dort beginnt das deutsche Problem.
Was 4 Prozent bei einem echten Depot bedeuten
Ich nehme 500.000 €. 4 % davon sind 20.000 € im ersten Jahr, also 1.666,67 € im Monat. Dieser Betrag steigt jedes Jahr mit der Inflation.
Im Entnahmeplan-Rechner trage ich genau das ein: 500.000 € Startkapital, 1.666,67 € Entnahme im Monat, 5 % Rendite auf das Restkapital, 2 % Inflation. Das Kapital reicht 45,2 Jahre. Ausgezahlt werden in dieser Zeit 1.448.286,73 €, die letzte Monatsrate liegt bei 4.063,10 €.
45,2 Jahre sehen nach viel Luft gegenüber den 30 Jahren der Trinity-Studie aus. Diese Luft ist eine Bruttozahl.
Was die deutsche Steuer davon übrig lässt
Beim Verkauf von Fondsanteilen wird nicht die Auszahlung besteuert, sondern der Gewinnanteil darin. Wie hoch der ausfällt, hängt an deiner eigenen Sparhistorie. Ich rechne mit einem verbreiteten Fall: Du hast über die Jahre 250.000 € eingezahlt, das Depot steht heute bei 500.000 €. Damit ist die Hälfte jedes verkauften Euros Gewinn.
Aus 20.000 € Verkauf werden also 10.000 € Gewinn. Davon bleiben bei einem Aktien-ETF 30 % steuerfrei, das ist die Teilfreistellung nach § 20 Abs. 1 InvStG. Übrig bleiben 7.000 €. Davon geht der Sparer-Pauschbetrag von 1.000 € ab, geregelt in § 20 Abs. 9 EStG. Auf die verbleibenden 6.000 € fallen 25 % Abgeltungsteuer nach § 32d Abs. 1 EStG an, dazu 5,5 % Solidaritätszuschlag auf diese Steuer nach § 4 SolzG, zusammen 26,375 %. Das ergibt 1.582,50 €.
Bei dir ankommen 18.417,50 €. Das sind 3,68 % des Depots, nicht 4 %. Im Monat sind es 1.534,79 € statt 1.666,67 €.
Zwei Abwandlungen machen es schlechter, jede für sich gerechnet. Ist dein Sparer-Pauschbetrag schon durch Dividenden aufgebraucht, bleiben 18.153,75 €, also 3,63 %. Hältst du Einzelaktien statt eines Aktien-ETF, entfällt die Teilfreistellung vollständig. Dann bleiben bei freiem Pauschbetrag 17.626,25 €, also 3,53 %. Welche Stellschrauben es dabei sonst noch gibt, steht in meinem Beitrag zur Abgeltungssteuer auf Aktien und ETFs.
Jetzt die Rechnung andersherum. Wer wirklich 20.000 € netto im Jahr braucht, muss 21.743,44 € verkaufen. Das sind 4,35 % des Depots. Zurück in den Rechner, mit 1.811,95 € im Monat statt 1.666,67 €: Die Reichweite fällt von 45,2 auf 38,4 Jahre. In der Trinity-Tabelle wäre das kein harmloser Schritt, denn zwischen den beiden Spalten für 4 % und 5 % rutscht die Erfolgsquote des 75/25-Depots von 98 % auf 83 %.
Die Vorabpauschale kennt die Studie nicht
Wer in Deutschland Fondsanteile hält, zahlt auch in Jahren ohne einen einzigen Verkauf Steuer. Die Vorabpauschale nach § 18 InvStG setzt am Rücknahmepreis zu Jahresbeginn an, multipliziert mit dem Basiszins und mit 70 %. Den Basiszins berechnet die Deutsche Bundesbank zum ersten Börsentag des Jahres, veröffentlicht wird er vom Bundesfinanzministerium, so steht es in § 18 Abs. 4 InvStG. Für 2026 liegt er bei 3,20 % laut dem BMF-Schreiben vom 13. Januar 2026.
Für 500.000 € im Depot heißt das: 500.000 € mal 3,20 % mal 70 % ergibt einen Basisertrag von 11.200 €. Bei einem thesaurierenden Aktien-ETF ohne Ausschüttung ist das zugleich die Vorabpauschale. Nach 30 % Teilfreistellung bleiben 7.840 € steuerpflichtig, darauf 26,375 % ergeben 2.067,80 €. Deine Bank bucht diesen Betrag im Januar 2027 vom Verrechnungskonto ab. Ist der Sparer-Pauschbetrag noch frei, sinkt die Zahl auf 1.804,05 €. Die Rechenschritte im Einzelnen habe ich in Vorabpauschale erklärt auseinandergenommen.
Der Betrag ist gedeckelt. Steigt der Anteilspreis im Jahr nur um 1 %, sinkt der Basisertrag auf 5.000 € und die Steuer bei aufgebrauchtem Pauschbetrag auf 923,13 €. In einem Verlustjahr fällt sie ganz weg.
Wichtig ist die Einordnung, sonst wird die Zahl doppelt gezählt: Die Vorabpauschale ist keine zusätzliche Steuer, sondern eine vorgezogene. Beim späteren Verkauf mindert sie den Veräußerungsgewinn, und zwar in voller Höhe und unabhängig von der Teilfreistellung, § 19 Abs. 1 InvStG. Was sie kostet, ist keine Steuer, sondern Zeit. Das Geld verlässt das Depot früher und arbeitet dort nicht mehr mit.
Wie viel die Steuer den Plan wirklich kostet
Für die Gesamtrechnung habe ich die Monatslogik des Entnahmeplan-Rechners nachgebaut und zwei Dinge ergänzt. Erstens ist die Entnahme jetzt eine Nettorate, jeder Verkauf wird also auf seinen Gewinnanteil versteuert. Zweitens geht im Januar zusätzlich die Steuer auf die Vorabpauschale des Vorjahres ab, und versteuerte Vorabpauschalen erhöhen im Gegenzug die Anschaffungskosten.
Ohne jede Steuer liefert der Nachbau exakt dieselben 45,2 Jahre wie der Rechner. Das ist die Gegenprobe, und sie stimmt.
Mit Steuer auf die Verkäufe fällt die Reichweite auf 35,1 Jahre. Kommt die Vorabpauschale dazu, sind es 34,3 Jahre. In Summe gehen in dieser Zeit rund 142.000 € an Steuer weg, davon rund 44.000 € über die Vorabpauschale. Diese beiden Summen gebe ich bewusst gerundet an. Die Jahreszahlen sind stabil, die Eurobeträge verschieben sich um einige hundert Euro, je nachdem in welcher Reihenfolge man den Sparer-Pauschbetrag auf Verkäufe und Vorabpauschale verteilt.
Die Steuer kostet also fast elf Jahre Reichweite, knapp ein Viertel des Plans. Die Vorabpauschale allein macht davon knapp zehn Monate aus. Was am Ende bleibt, sind 34,3 Jahre statt 45,2, und das ist immer noch mehr als die 30 Jahre der Trinity-Studie. Nur eben mit einer Rendite, die in diesem Modell jedes Jahr gleich hoch ausfällt.
Der 30-Jahres-Horizont passt selten
Die Trinity-Studie hat Auszahlungszeiträume von 15, 20, 25 und 30 Jahren geprüft, mehr nicht. 30 Jahre waren 1998 eine großzügige Annahme für jemanden, der mit 65 aufhört.
Das Statistische Bundesamt weist für 2025 aus, dass 65-jährige Frauen im Schnitt noch 21,2 Jahre vor sich haben, 65-jährige Männer 18,2 Jahre. Das ist ein Durchschnitt, und darin steckt die Falle: Er sagt nichts darüber, ob du zu den Kurzlebigen oder zu den Langlebigen gehörst. Wer mit 60 aufhört und 92 wird, braucht 32 Jahre. Wer mit 55 aufhört, plant 35 Jahre und mehr. Bei einem Paar zählt ohnehin nicht der Durchschnitt, sondern derjenige, der länger lebt. Wie groß deine Lücke überhaupt ist, bevor das Depot einspringen muss, rechnest du im Rentenlücken-Rechner aus.
Die Reihenfolge der Renditen schlägt jede Durchschnittsannahme
Der Entnahmeplan-Rechner unterstellt jedes Jahr dieselbe Rendite. Genau das hat die Trinity-Studie bewusst nicht getan, und darin liegt ihr eigentlicher Wert.
Ein Beispiel mit derselben Monatsmechanik: 500.000 €, 1.666,67 € Entnahme, 2 % Inflation. Die Rendite liegt bei 7 %, mit Ausnahme von drei Jahren, in denen sie bei minus 15 % liegt. Fallen diese drei Jahre auf den Anfang, trägt das Kapital 21,5 Jahre. Fallen dieselben drei Jahre auf die Jahre 21 bis 23, trägt es 54,4 Jahre. Gleiche Renditen, andere Reihenfolge, mehr als 30 Jahre Unterschied.
Dagegen hilft keine Prozentzahl, sondern ein Puffer aus zwei bis drei Jahresentnahmen, den du in schwachen Jahren angreifst, statt Anteile zu verkaufen. Welche Entnahmestrategien es dafür gibt, habe ich in Entnahmeplan im Ruhestand gegenübergestellt.
Dazu kommt die Preisentwicklung. Die amerikanische Reihe von 1926 bis 1995 enthält zehn Jahre mit fallenden Preisen, in denen die Entnahme rechnerisch sogar sank. In Deutschland stiegen die Verbraucherpreise 2021 um 3,1 % und 2022 um 6,9 %. Die vielfach zitierten 7,9 % für 2022 sind überholt, sie stammen aus der alten Indexbasis 2015. Zwei solche Jahre am Anfang heben die Entnahme für den gesamten Rest des Plans an, und dieser Sockel geht nie wieder weg.
Drei Fragen, die mich am häufigsten erreichen
Die folgenden drei Formulierungen bekomme ich fast wörtlich so zugeschickt, deshalb rechne ich sie hier durch.
Reichen 500.000 € für 2.000 € im Monat? In der 4-Prozent-Logik nach Steuern nicht. Für 2.000 € netto im Monat, also 24.000 € im Jahr, musst du bei 50 % Gewinnanteil 26.150,24 € verkaufen. Das sind 5,23 % von 500.000 €, im Monat also 2.179,19 € brutto. Mit dieser Rate trägt das Kapital im Rechner 28,2 Jahre. Wer bei 4 % bleiben will, braucht 653.756 € statt der oft genannten 600.000 €.
Muss ich von den 4 Prozent noch Steuern zahlen? Ja, aber nur auf den Gewinnanteil im verkauften Betrag, nicht auf die gesamte Auszahlung. Bei 1 Million € und 4 % sind das 40.000 € brutto. Mit halbem Gewinnanteil und freiem Sparer-Pauschbetrag bleiben davon 36.571,25 € netto, also 3.047,60 € im Monat.
Was passiert, wenn die Börse gleich im ersten Ruhestandsjahr einbricht? In meinem Beispiel oben schrumpft die Reichweite von 54,4 auf 21,5 Jahre, nur weil dieselben drei Verlustjahre am Anfang statt ab Jahr 21 liegen. Die Durchschnittsrendite ändert sich dabei nicht. Genau dieses Muster steckt hinter den 2 % bis 5 % Fehlschlägen in der Trinity-Tabelle.
Was von der Regel bleibt
Als Kopfrechnung ist sie brauchbar. Jahresbedarf mal 25 gibt dir in zehn Sekunden eine Hausnummer für das Zielkapital, und diese Hausnummer ist besser als gar keine.
Als Entnahmeplan taugt sie nicht. Drei Korrekturen machen aus der Faustregel eine Rechnung, die zu deinem Depot passt. Erstens: Geh vom Nettobedarf aus und schlag die Steuer oben drauf, statt sie hinten abzuziehen. Zweitens: Setz den Zeitraum nach deinem eigenen Alter an, nicht nach den 30 Jahren aus einer Studie von 1998. Drittens: Rechne mindestens drei Renditeannahmen durch und sieh dir die schlechteste an, nicht die mittlere.
Für mein Beispiel heißt das: 4 % brutto sind 3,68 % netto, und aus 45,2 Jahren werden nach Steuern 34,3. Deine Zahlen sehen anders aus, weil dein Gewinnanteil, dein Pauschbetrag und dein Startalter anders sind. Genau dafür ist der Rechner da.