Was ich mit „Privatier“ meine
Ich verwende den Begriff für einen Menschen, der seine laufenden Ausgaben überwiegend aus vorhandenem Vermögen und anderen nicht an eine aktive Vollzeitstelle gebundenen Einkünften bezahlt. Das ist keine amtliche Berufsbezeichnung und auch kein Versprechen, nie wieder etwas zu arbeiten. Entscheidend ist die wirtschaftliche Frage: Reichen dein verfügbares Kapital und deine übrigen Einkünfte, um dein Leben über den geplanten Zeitraum zu finanzieren?
Die Antwort beginnt deshalb nicht bei einer runden Million. Sie beginnt bei deinen Ausgaben. Wer 2.000 € im Monat braucht, hat eine andere Privatier-Zahl als jemand mit 4.000 €. Auch Krankenversicherung, Steuern, spätere Renten, Mieteinnahmen und größere unregelmäßige Ausgaben gehören in die Rechnung.
Wie viel Geld brauchst du, um nicht mehr arbeiten zu müssen?
Für eine erste Orientierung kannst du deinen jährlichen Finanzierungsbedarf durch eine angenommene anfängliche Entnahmerate teilen:
Zielkapital = Jahresbedarf geteilt durch Entnahmerate.
Bei 3.000 € im Monat beträgt der Jahresbedarf 36.000 €. Geteilt durch 4 % ergeben sich 900.000 €. Bei 3,5 % sind es rund 1.028.600 €, bei 3 % genau 1.200.000 €.
| Monatsbedarf | Zielkapital nach Entnahmerate |
|---|---|
| 2.000 € | 600.000 € bei 4 %, 685.700 € bei 3,5 %, 800.000 € bei 3 % |
| 2.500 € | 750.000 € bei 4 %, 857.100 € bei 3,5 %, 1.000.000 € bei 3 % |
| 3.000 € | 900.000 € bei 4 %, 1.028.600 € bei 3,5 %, 1.200.000 € bei 3 % |
| 4.000 € | 1.200.000 € bei 4 %, 1.371.400 € bei 3,5 %, 1.600.000 € bei 3 % |
Diese Tabelle ist eine Bruttorechnung mit gleichbleibendem Bedarf. Sie berücksichtigt noch keine spätere Rente und keine persönliche Steuer- oder Versicherungssituation. Genau deshalb ist sie der Anfang der Planung und nicht ihr Ergebnis. Deine erste eigene Zahl berechnest du im Privatier-Rechner.
Als Privatier im Ausland leben
Dein Wohnort verändert deinen Monatsbedarf. Eine andere Miete kann die Privatier-Zahl deutlich verschieben. Beim Auswandern kommen zusätzlich Aufenthalt, Krankenversicherung, Umzugskosten und die individuelle Abgabenrechnung in den Plan.
Die ersten Länderbeiträge zeigen dafür aufgeschlüsselte Beispielbudgets und jeweils einen kleinen Kapitalrechner. Die Budgets sind offengelegte Planungsannahmen, keine garantierten Lebenshaltungskosten:
- Leben in Thailand: Wohnung, Visum, Versicherung und Ausgaben in Baht.
- Leben in Spanien: regionale Mietdaten, EU-Aufenthalt und Versorgung vor und nach der Rente.
- Leben auf Zypern: Wohnkosten, Gesundheitsbudget und die Grenzen von Non-Dom.
Die gemeinsame Übersicht Auswandern als Privatier vergleicht diese drei Länder anhand derselben Planungsfragen. Entscheidend bleibt die konkrete Rechnung für deinen Haushalt.
Konkrete Vermögensstufen durchrechnen
Eine runde Summe beantwortet die Ruhestandsfrage nicht allein. Die folgenden Rechnungen zeigen für jede Kapitalstufe den anfänglichen Monatswert, typische Lebenssituationen und die Grenzen des Modells:
| Kapital | Eigene Rechnung |
|---|---|
| 100.000 € | Ruhestand mit 100.000 Euro |
| 200.000 € | Ruhestand mit 200.000 Euro |
| 300.000 € | Ruhestand mit 300.000 Euro |
| 500.000 € | Ruhestand mit 500.000 Euro |
| 750.000 € | Ruhestand mit 750.000 Euro |
| 1.000.000 € | Ruhestand mit einer Million Euro |
| 2.000.000 € | Ruhestand mit zwei Millionen Euro |
Die Seiten sind keine Zahlentausch-Serie. 100.000 € werden als Ergänzung und kurze Brücke betrachtet. 300.000 € verbinden Teilzeiteinkommen und spätere Rente. 750.000 € behandeln den gemeinsamen Bedarf eines Paares. Bei einer und zwei Millionen kommen Kapitalerhalt und ein sehr langer Planungshorizont hinzu.
Vom vorhandenen Betrag zum langfristigen Depot
Wenn du das Kapital noch aufbaust, beginnt die Frage früher. Liquidität, Laufzeit, Risikobudget und Ausführung entscheiden, welcher Teil überhaupt langfristig angelegt werden kann:
- 20.000 Euro anlegen: Reserve und langfristigen Einstieg trennen.
- 30.000 Euro anlegen: Einmalanlage und feste Tranchen vergleichen.
- 50.000 Euro anlegen: Kernportfolio, Satelliten und Rebalancing strukturieren.
- 100.000 Euro anlegen: Risikobudget in Euro und Gesamtvermögen verbinden.
- 200.000 Euro anlegen: Mehrere Ziele mit eigenen Laufzeiten trennen.
- 500.000 Euro anlegen: Aufbau, Kapitalerhalt und spätere Entnahme zusammenführen.
Das Vermögen bis zu einem bestimmten Alter verbrauchen
Du musst nicht zwingend das gesamte Kapital dauerhaft erhalten. Im Die-with-Zero-Rechner gibst du ein Planungsalter vor und berechnest, welches Monatsbudget bis dahin möglich ist. Das Restdepot bleibt während der Entnahme investiert. Eine Aufbauphase, spätere Rente, Inflation und gewünschtes Restkapital sind einstellbar. Das Planungsalter ist keine Vorhersage deines Lebensendes. Prüfe deshalb auch einen längeren Zeitraum und eine eigene Reserve.
Schritt 1: Erfasse deinen wirklichen Monatsbedarf
Nimm zwölf vollständige Monate deiner Konto- und Kreditkartenumsätze. Teile die Ausgaben anschließend in vier Gruppen:
- Laufende Fixkosten wie Wohnen, Versicherungen, Mobilität und Verträge.
- Variable Lebenshaltungskosten wie Lebensmittel, Reisen und Freizeit.
- Jährliche oder seltene Ausgaben wie Reparaturen, Zahnersatz, Geräte und Fahrzeuge.
- Abgaben, die nach dem Ende des Arbeitsverhältnisses nicht verschwinden, insbesondere Kranken- und Pflegeversicherung sowie mögliche Steuern.
Jahresausgaben gehören durch zwölf geteilt in den Monatsbedarf. Ein Auto, das alle acht Jahre 32.000 € kostet, entspricht rechnerisch 333 € im Monat. Wer solche Posten weglässt, baut eine präzise Rechnung auf eine unvollständige Zahl.
Rechne außerdem mit dem Leben, das du tatsächlich führen willst. Eine extrem gekürzte Testzahl kann zeigen, wie weit dein Kapital im Notfall reicht. Als langfristiger Plan taugt sie nur, wenn du diesen Lebensstandard wirklich akzeptierst.
Schritt 2: Trenne die Zeit vor und nach der Rente
Wer mit 50 aufhört zu arbeiten und ab 67 eine gesetzliche Rente erhält, hat zwei verschiedene Finanzierungsphasen. In den ersten 17 Jahren muss das Vermögen den vollen ungedeckten Monatsbedarf tragen. Ab 67 reduziert die Netto-Rente diese Lücke.
Die Deutsche Rentenversicherung erklärt, dass die Renteninformation die bisher erworbenen Ansprüche und eine Hochrechnung der voraussichtlichen Rente enthält. Nutze diese Hochrechnung als Ausgangspunkt, nicht als garantiertes Nettoergebnis. Von einer Bruttorente können später noch Beiträge und Steuern abgehen.
Beispiel: Du brauchst 3.000 € im Monat und erwartest ab 67 eine Netto-Rente von 1.400 €. Vorher beträgt die zu finanzierende Lücke 3.000 €, danach 1.600 €. Eine einzige Rechnung mit 3.000 € für das gesamte Leben wäre zu hoch. Eine Rechnung mit nur 1.600 € ab heute wäre gefährlich niedrig. Der Privatier-Rechner trennt diese beiden Phasen sichtbar.
Schritt 3: Behandle die Entnahmerate als Szenario
Die 4-Prozent-Regel geht auf historische Untersuchungen zurück. William Bengen veröffentlichte 1994 seine Untersuchung „Determining Withdrawal Rates Using Historical Data“. Die spätere Trinity-Studie prüfte unterschiedliche Entnahmeraten mit historischen US-Aktien- und Anleihedaten.
Die Zahl ist kein Naturgesetz. Die Trinity-Autoren rechneten ohne Steuern und Transaktionskosten. Die Ergebnisse beziehen sich auf historische Zeitfenster, konkrete Depotmischungen und eine begrenzte Dauer. Wer sehr früh Privatier wird, plant möglicherweise für 40 oder 50 Jahre statt für 30.
Rechne deshalb mindestens drei Varianten. Mit 4 % erhältst du eine grobe Ausgangszahl. Mit 3,5 % und 3 % siehst du, wie viel zusätzliche Reserve eine vorsichtigere Annahme verlangt. Danach prüfst du deine tatsächliche monatliche Entnahme im Entnahmeplan-Rechner. Die Hintergründe und eine deutsche Steuerrechnung stehen im Ratgeber zur 4-Prozent-Regel.
Schritt 4: Plane Steuern auf den Ertrag, nicht pauschal auf jede Auszahlung
Bei einem Depotverkauf ist nicht der gesamte Verkaufserlös automatisch steuerpflichtiger Gewinn. Ein Teil ist die Rückzahlung deines eingesetzten Kapitals. Die steuerliche Rechnung hängt unter anderem von den Anschaffungskosten, der Reihenfolge der verkauften Anteile, vorhandenen Verlusten, dem Sparerpauschbetrag und bei Fonds von der Teilfreistellung ab.
§ 32d EStG nennt für Einkünfte aus Kapitalvermögen grundsätzlich einen besonderen Steuersatz von 25 %. Hinzukommen können Solidaritätszuschlag und Kirchensteuer. Absatz 6 regelt außerdem die Günstigerprüfung. Dabei wendet das Finanzamt auf Antrag die tarifliche Einkommensteuer an, wenn das einschließlich Zuschlagsteuern günstiger ist.
Für Fonds regelt § 20 InvStG die Teilfreistellung. Bei Aktienfonds bleiben nach Absatz 1 grundsätzlich 30 % der Erträge steuerfrei. Das bedeutet nicht, dass 30 % deiner gesamten Auszahlung steuerfrei sind. Die Quote wird auf den maßgeblichen Fondsertrag angewendet.
Rechne deshalb zuerst den Gewinnanteil deiner geplanten Verkäufe und danach die Steuer. Der ETF-Verkauf-Rechner verarbeitet Kauftranchen nach FIFO. Der Abgeltungssteuer-Rechner zeigt dir anschließend Abgeltungsteuer, Solidaritätszuschlag, Kirchensteuer und Nettogewinn.
Schritt 5: Setze die Krankenversicherung nicht mit null an
Nach dem Ende eines Beschäftigungsverhältnisses kann sich ändern, aus welchen Einnahmen Beiträge berechnet werden und wer welchen Anteil trägt. Eine pauschale Zahl aus dem Internet reicht dafür nicht.
Das Bundesgesundheitsministerium schreibt für freiwillig Versicherte in der gesetzlichen Krankenversicherung, dass auch weitere Einnahmen wie Einkünfte aus Kapitalvermögen sowie Vermietung und Verpachtung beitragspflichtig sein können. Für 2026 nennt das Ministerium eine monatliche Mindestbemessungsgrundlage von 1.318,33 € und eine Beitragsbemessungsgrenze von 5.812,50 €. Der tatsächliche Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrag hängt von deinem Status, deiner Kasse, dem Zusatzbeitrag und persönlichen Merkmalen ab.
Lass dir deshalb vor einem endgültigen Ausstieg schriftlich bestätigen, wie dein konkreter Versicherungsstatus und die Beitragsberechnung aussehen. Bei einer privaten Krankenversicherung gelten andere Tarifregeln. Die Prämie gehört trotzdem vollständig in den Monatsbedarf.
Schritt 6: Plane für schwache Börsenjahre
Eine konstante Durchschnittsrendite ist eine Rechenhilfe. Ein echtes Depot entwickelt sich ungleichmäßig. Verluste zu Beginn der Entnahmephase sind besonders problematisch, weil du zur Finanzierung deiner Ausgaben mehr Anteile verkaufen musst. Diese Anteile können an einer späteren Erholung nicht mehr teilnehmen.
Der Entnahmeplan-Rechner zeigt eine gleichmäßige Modellrendite und legt diese Grenze offen. Prüfe zusätzlich, welche Ausgaben du in schwachen Jahren senken könntest und welche Reserve außerhalb schwankender Anlagen verfügbar sein soll. Die Höhe dieser Reserve ist eine persönliche Risikoentscheidung und keine allgemeingültige Zahl.
Schritt 7: Prüfe deinen Plan vor dem endgültigen Ausstieg
Ein belastbarer Privatier-Plan beantwortet sieben Fragen mit konkreten Zahlen:
- Wie hoch waren deine vollständigen Ausgaben in den letzten zwölf Monaten?
- Welche Ausgaben verändern sich nach dem Ende deiner Erwerbsarbeit?
- Was kosten Kranken- und Pflegeversicherung in deinem tatsächlichen Status?
- Welche verlässlichen Einkünfte beginnen zu welchem Zeitpunkt?
- Wie hoch ist dein heute verfügbares, schuldenbereinigtes Kapital?
- Wie sehen Entnahme und Restkapital bei mehreren Rendite- und Inflationsannahmen aus?
- Welche Ausgaben kannst du bei einem schlechten Börsenstart vorübergehend reduzieren?
Rechne die Zahlen zuerst im Privatier-Rechner und danach im Entnahmeplan-Rechner. Nutze für die Steuer auf geplante Depotverkäufe den ETF-Verkauf-Rechner. Erst die Verbindung aus Bedarf, zeitlich gestaffelten Einkünften, Entnahme und Steuer ergibt einen brauchbaren Arbeitsplan.
Quellen und Stand
Die Entnahmehistorie stützt sich auf die Originalarbeiten von William Bengen und Cooley, Hubbard und Walz. Steuerliche Aussagen verweisen auf das aktuelle Einkommensteuer- und Investmentsteuergesetz. Die Angaben zur gesetzlichen Krankenversicherung stammen vom Bundesgesundheitsministerium, die Angaben zur Renteninformation von der Deutschen Rentenversicherung. Alle veränderlichen Angaben wurden am 28. August 2026 geprüft.